Vom Unterschied zwischen Geschichstlosigkeit statt Gewissenslosigkeit

Die schlott gruppe hatte zum 18. Januar 2011 Insolvenz angemeldet, zum 1. April 2011 wurde das Insolvenzverfahren eröffnet und die Teile veräußert, für die es Kaufinteressierte gab, die restliche Druckstandorte wurde Schritt für Schritt stillgelegt. Über 2.500 Arbeitnehmer/innen haben seit 2007/2008 ihre Arbeit in der Unternehmensgruppe verloren. Die Dokumentation des gewerkschaftlichen agierens in diesem schweren Prozess ist durch eine Umstellung im Online-Produktionssystem von ver.di quasie mit gelöscht worden. Auch wenn das Zufall ist, ob nun bei der schlott gruppe oder auch jüngst bei der Insolvenz der Frankfurter Rundschau, die Aufarbeitung so kritischer (Markt)Prozesse und das eigene Handeln wird schnell zur Seite gelegt.

Nicht, weil man mehr daran erinnert werden will, sondern weil neue Baustellen einen verfolgen. Aber so tagesgetrieben kann man keine Strategie für ein gewerkschaftliches Vorgehen in einer Branchen entwickeln. Vielmehr könnte man heute dann schon sagen, das alles Handeln in der Zukunft auf dem Zufall und der Routine beruht, das Ergebnis dabei beliebig.

Der größte personelle Einschnitt und vom Umfang bedeutendeste Personalabbau in der schlott gruppe kam mit der Insolvenz (750 Arbeitnehmer/innen). Während der Tiefdruckstandort in Nürnberg, U.E. Sebald, an Burda verkauft wurde, der kleinste Tiefdruckstandort Landau an den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden der schlott gruppe, Bernd Rose verkauft, wurden die Tiefdruckerei in Freudenstadt, der ehemalige Stammsitz (280 Arbeitnehmer/innen) und broschek in Hamburg (140 Arbeitnehmer/innen) sowie die Logostik-teile (140 Arbeitnehmer/innen) geschlossen. Die Rollenoffsetdruckerei broschek lübeck wurde genauso verkauft  (Schießl) wie der Weiterverarbeitungsbetrieb in Nürnberg (Stark Unternehmensgruppe). Die niederländische Gesellschaft Biegelaar wurde im Wege eines „Management Buy Outs“ von führenden Mitarbeitern übernommen. Dort blieben 140 von 165 Arbeitsplätzen erhalten. Die tschechische Tochter REUS wurde ebenfalls an die Stark Unternehmensgruppe verkauft, die alle 253 Arbeitnehmer übernahm.  „Dass vor dem Hintergrund des enormen Wettbewerbs- und Konsolidierungsdrucks in der Branche gut die Hälfte der Arbeitsplätze in Deutschland erhalten werden konnte, ist eine durchaus positive Bilanz“, erklärte später (31.08.2011) der Insolvenzverwalter Siegfried Beck.

Aus Sicht der Gewerkschaftsbewegung wurde der Prozess bis zur Insolvenz und der Weg in ihr aus Arbeitnehmer/innen-Sicht nicht weiter aufbereitet. Der Laden ist weg und man muss keinerlei Schlußfolgerungen daraus ziehen. Wenn auch nicht ursächlich ein Zusammenhang: Eine Umstellung des Online-Produktionssystems in ver.di 2013 hat alle öffentlichen Dokumente für die Reflektion der Unternehmens- und Beschäftigungskrise seit 2006/2007 aus gewerkscahftlicher Sicht vernichtet, sie wurden einfach geschlöscht. In der ver.di Bundesverwaltung des Fachbereichs Medien wird es keinen stören, sie wollen nicht an die Geschichte erinnert werden oder im Zweifel ihre jeweils der Tagesform entsprechende Einschätzung eine Bewertung „vornehmen“ – aber das ist natürlich eine Unterstellung.

Die Frage ist dennoch berechtigt, ab wann haben wir als Gewerkschaft einen Fehler gemacht, wo hatten wir welche Eingreifmöglichkeiten gehabt und warum haben wir diese nicht ergriffen. Dabei ist klar, dass die Marktbereinigung als Ergebnis einer langerfristigen Entwicklung selber von so vielen Prozessen abhängt, dass die Wahrscheinlichkeit, einen anderen Weg einzuschreiten, alleine aus den Eigentumsverhältnissen heraus nicht möglich war und auch künftig nicht sein wird. Unternehmen in der Krise, dass heißt Krise des Management und eine Überforderung der Träger der vergangenen Prozesse. Sie reden sich ein, mit der Insolvenz eine Chance zu bekommen für einen Neunanfang, um ihre eigene Schaffens- und Managerkrise zu verschleiern. Im Zweifel sind sie es, die in der Situation die Lage auch noch weiter in die Scheiße reiten.

Wenn sich der Blickwinkel auf die schlott gruppe verändert, man nicht mehr unmittelbar Betroffener oder eingebundener Akteur im laufenden Prozess ist, sondern mit dem Blick von außen und der zeitlichen Distanz auf das Geschehen sieht, besteht die Möglichkeit, ein Angebot für eine kritische Reflektion des Geschehenen zu formulieren. Überlicherweise erfolgt das über die historischen Auflistung der Entwicklungen und Bewertung der Taten.

Die Vorgehensweise in ver.di, hier Fachbereich Medien, ist eigentlich immer ganz einfacht, wenn es Probleme gibt. Das Ding brennt ab, also müssen die Leute vor Ort den Schaden für die Mitgliederentwicklung so gering wie möglich halten. Betrifft eine Aktivität mehrere Regionen, bemüht man sich darum, dass der Marktprozess die Ãœberlegungen der Akteure bestimmt und sie möglichst mit der Abwicklung beschäftigt sind. Jedes Ergebnis ist zu verkaufen und zu rechtfertigen, weil man sich keine Ziele gesetzt hat, was man erreichen will – wie auch bei einer Insolvenz? Noch nicht einmal vergangene Erfahrungen in solchen Prozessen werden erschlossen, entweder weil sie nicht mehr da sind oder weil sie eben nicht aufbereitet worden sind oder es kein gemeinschaftliches Projekt mit einem Beginn und einen Ende war, sondern Sache von Personen vor Ort. Das ist üblich, vermutlich nicht nur im ver.di Fachbereich Medien, es ist aber aus Sicht der organisierten Arbeitbewegung, schändlich, was man hier in wiederholenden Interwallen immer wieder erleben darf. Die Ansage, löst das einzelne Problem vor Ort, funktioniert, alle sind aus unterschiedlichen Gründen darauf getrimmt. Die vor Ort aus Ãœberforderung, die in der Zentrale aus Verantwortungslosigkeit.

Der Prozess der schlott gruppe in die Insolvenz und unsere eigene Rolle als Gewerkschaftsbewegung soll in einer Zusammenstellung der Meldungen noch einmal versucht werden, aufzubereiten. Diese Übersicht ist in Ausarbeitung, hier erst einmal die sehr kritische Bewertung, warum man sich lieber geschichtslos im ver.di-Fachbereich Medien verhält als gewissenlos, ist in Arbeit.

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