Der Tarifticker (bei der IG Metall) – Vor 15 Jahren noch verpöhnt als gewerkschaftliches Angebot

image In der Tarifrunde 2012 bietet die IG Metall auf ihrer Web-Seite einen “Tarifticker” an. Er soll einen schnellen Ãœberblick über das Geschehen bieten. Zusätzlich wird Facebook für die Mobilisierung zur Tarifauseinandersetzung genutzt und Flickr für die Fotos. Bereits in der Tarifrunde im Öffentlichen Dienst 2012 wurde von ver.di Facebook als eine Instrument der virtuellen Öffentlichkeitsarbeit eingesetzt.  Das man heute “Ticker” einsetzt, ist sicher auch ein Ergebnis der Arbeit der großen Nachrichtenportale im Internet mit ihren so genannten “Livetickern”. Sie demonstrieren, wie Berichterstattung, Meldungsüberblick, Kommentare, Zusammenhänge und das aktuelle Geschehen mit einem Blick angeboten werden kann. Die Öffentlichkeitsarbeit zu Tarifrunden im Web mit den verschiedenen Werkzeugen hat sich endgültig durchgesetzt. Die Einzelgewerkschaften haben in den Tarifrunden unterschiedlichen Vorgehensweisen, so wie sie sich organisieren und den grundsätzlichen Ansatz ihrer Tarifpolitik bewerten, so wird auch die Web-Öffentlichkeitsarbeit gestaltet.

Das jetzige gesamte Webangebot der IG Metall zur Tarifrunde 2012 demonstriert die Wichtigkeit dieser Arbeit und die Arbeit damit. Die Web-Seiten der IG Metall greifen vorbildlich fast jedes Stichwort zur Tarifrunde 2012 auf, nicht so moralisch und umständlich wie es ver.di gemacht hatte. Sie war mehr auf eine Kampagne ausgerichtet hatte, denn an einem Arbeitskampf.

1999: Usenet als erste Form des Livetickers zum Arbeitskampf

Der erste Aufschlag in der IG Medien und später im ver.di-Fachbereich Medien, Kunst und Industrie mit einer Liveberichterstattung zu einer Tarifauseinandersetzung nutzte die damaligen Werkzeuge, wurde aber von den Verantwortlichen in der Gewerkschaftszentrale bekämpft. Am Ende konnten sie es nicht aufhalten, auch wenn sie sich alle Mühe gaben, ihre “verschlossene” Kultur auch im Web zu praktizieren.1998/1999 nutzten wir damals erstmalig das Usenet, um Morgens und Abends über den Stand beim Streik der Sächsischen Zeitung in Dresden zu informieren. Morgens gab es den Überblick über die Planungen für das kommende Geschehen, Abends den Rückblick über das geleistete und kleine Bewertungen. Wir hielten es rund zwei Wochen durch und bewarben die Adresse auf Flugblätter. Aus den Reaktionen wussten wir, dass wir den interessierten Gewerkschafter- und betriebliche Trägerkreis erreichten. Aber auch andere, die die Usenet-Adresse (de.soc.arbeit) abonniert hatten, konnten sich informieren. Dies war unser erster Liveticker, nicht gewollt vom IG Medien Hauptvorstand. Die glaubten, das alleinige Publikationsrecht zu haben. Doch das Netz der Möglichkeiten hatte die kleine Welt bereits verändert. Es war einfach, etwas anzubieten, wir hatten uns das Image verschafft, demokratisch mit den Nachrichtenkanälen umzugehen. Während die IG Medien-Hauptamtlichen versuchten, einen geschlossenen Nachrichtenkanal aufzubauen, nutzen wir ab 1995 das Comlink-Netz zur Information und Vernetzung gewerkschaftlicher Aktiver, traten offen und nicht versteckt auf.

Der erste Newsticker als Java-Script zu einer Tarifauseinandersetzung wurde 2003 eingesetzt

2003 boten wir zur Tarifrunde in der Druckindustrie einen kleinen Newsticker zur Kommentierung des damaligen Ergebnisses an. Während der Tarifrunde hatten wir einen Newsletter mit über 1.300 Abonnenten/innen im Einsatz, um kontinuierlich zu informieren. Im Apparat wurde auf das Tariftelefon und das gedruckte Flugblatt gesetzt, das Tage nach dem Geschehen zentral versandt wurde und viel zu spät die betrieblichen Träger erreichte. 2004 und 2005 boten wir einen Newsticker an, der damals den Durchbruch wie den Abbruch dieses Instrumentes bedeute. Über diesen Newsticker organisierten wir in Hamburg sogar eine Demonstration, sprich hier fing die Abstimmung über eine öffentliche Demo statt, die dann praktisch umgesetzt wurde. Die Mitglieder nutzen es, um nicht nur über das Tarifgeschehen zu informieren, sie nutzen es auch als Medium, um uns ihre Meinung zu sagen, manchmal auch zu geigen. Ich habe Tag und Nacht hunderte Kommentare gelesen und versucht, für eine saubere Debatte gesorgt. Die Zugriffe auf diese Texte gingen in die 100.000. Der Führung passte es nicht, dass hier anonym gesagt wurde, was man meinte oder sich einen Spaß machte, anderen auf die Schippe zu nehmen. Sie verstehen bis heute nicht, dass Dampf ablassen kein Problem ist. Das Problem ist, das man dieses “Dampf ablassen” einfach ignoriert, statt es aufzugreifen. Im Netz hat es sich längst weltweit herumgesprochen, dass sich die Marketingabteilungen Foren zu ihren Produkten durchlesen oder eigene anbieten, um die Produktkritik aufzugreifen. Jeff Jarvis hat diesen Kulturwandel eindrücklich am Beispiel des Computerherstellers Dell in einem Buch “Was würde google tun” beschrieben. Man muss auf seine Gemeinde hören, mit den Werkzeugen des Internets haben sie die Möglichkeit der Kommunikation. Das ist bis eines der großen Probleme z.B. von ver.di.

ver.di für geschlossene Foren, nicht für offene Plattformen

In der ver.di-Zentrale des Fachbereichs Medien entschied man sich nach 2005, solche interaktiven Foren, die auch noch öffentlich sind, zu bekämpfen. Es wurde für die kommenden Tarifrunde in der Papierverarbeitung ein geschlossenes Diskussionsbrett eingeführt, aber das scheiterte kläglich, spielte keine Rolle in der Tarifauseinandersetzung, es wurde später beerdigt. Auch in der letzten Druckindustrie-Tarifrunde 2011 setzte man auf die geschlossenen Form im Rahmen des ver.di-Mitgliedernetzes. Aber auch hier flog der Funke nicht. Mit der Facebookgruppe “Wir machen Druck” wurde die Plattform geschaffen, wo man sich austauschte und informierte, ver,di konnte so schnell nicht auf ihrer Web-Seite informieren und sortieren, wie es hier der Fall war. Die User/innen könnten Meldungen kommentieren, waren interaktiv dabei. Gewissermaßen entstand hier eine Art “Liveticker” über einzelne Aktionen, wurden Statements gepostet und auf ver.di-Links verwiesen. Mit den verschiedenen Blogs wurde ebenfalls ein Überblick gehalten, über betriebliches informiert und in der Tarifrunde der Redakteure umfassend kommentiert. Die ver.di-Zentrale in Berlin war an diesen Prozessen nicht beteiligt, konnte nicht mitmischen, spielte am Rande mit. In die Breite ging die Web-Arbeit mit dem Redakteursstreik 2011, auch wieder ohne ernsthafte ver.di-“Steuerung”. Was passierte, war eher zufällig, eine Web-Strategie der verschiedenen Kommunikationswerkzeuge gab – und gibt es nicht.

Blickt man heute auf die im August 2012 beginnenden Tarifrunde in der Papierverarbeitung, so wird man sich schnell der inhaltlichen Herausforderung dieser Runde bewusst, wenn man auf der ver.di-Fachbereichs-Web-Seite Berichte www.druck.verdi.de geht, es ist das alte Muster, dass die klassische Tarifvorbereitung des Apparats im Web abgebildet wird.

Mit Fotos und Videos ein emotionales Angebot schaffen, dass auch noch die Vernetzung unterstützt

Es ist bezeichnend für die bisherige Web-Strategie in der Druckindustrie und Papierverarbeitung, wie Bilder über Tarifaktionen publiziert werden. 2003 und 2005 hatten wir eine kleine Java-Datenbank, dann kam das ver.di-Web und die Bilder mussten in eine html-Tabellen eingearbeitet werden, ein Rückfall, der bis heute nicht beerdigt wurde. Mit Flickr, Picassa, google + u.a. werden nicht nur technische Plattformen angeboten, sie sind dazu noch Beziehungswerkzeuge und vermitteln auch einen gewisses emotionales Erlebnis von dem Geschehen. Mit Blick auf youtube muss man sagen, dass das Angebot von ver.di. zum Streik TV professionell ist, aber auch hier die Dynamik an ver.di vorbei geht. Einen youtube-Video auf dem cms von ver.di zur produzieren ist eine Qual, alleine, dass man so nicht mehr arbeitet. Heute brauche ich Sekunden, um eine Foto auf Facebook oder Instagram zu publizieren, auf den ver.di-Web-Seiten kann man schon einmal einschlafen bis die Fotos online sind. Über den Streik der Beschäftigten von “pflegen und wohnen” 2012 in Hamburg wurde täglichen auf einem youtube-Kanal informiert. Die etwas schwierige Haustarifauseinandersetzung 2011 bei Prinovis Nürnberg wurde auch über einen youtube-Kanal begleitet. E gibt heute aber viele hundert Beispiele, die Video-Berichterstattung zu gewerkschaftlichen Aktivitäten im Netz aussieht.

Facebook wird Plattform zur Begleitung betrieblicher Kämpfe

Mit Interesse verfolge ich einzelne Facebook-Seiten zu aktuellen betrieblichen Tarifauseinandersetzungen. An ihnen klebt zwar noch der übliche Ansatz, dass nur gesichertes von sich gegeben wird und man eher agitatorisch den nachrichtlich auftritt, aber wie andere gewerkschaftliche Facebook und Web-Seiten zeigen, spielen sie für den Zugang der Beschäftigten wie zur eigenen Vernetzung eine wachsenden Rolle. Mit einer Web-Strategie, mit einer Facebook-Seite, einem Blog, einem Ticker  etc. ist keine einzige Tarifrunde gewonnen, ist nicht zu gewinnen. Die wird in den Köpfen der Mitglieder und deren Konsequenz zu handeln, entschieden. Dies geht nur über die handwerklich saubere Planung und Umsetzung einer Tarifrunde, aber die verschiedenen Angebote sind für die Auseinandersetzung von unterstützender Bedeutung. Dabei ist die Web-Arbeit sowohl Öffentlichkeit- und Organisationarbeit.

David Montgomery beschwerte sich über ver.di-Web-Strategie gegen Mecom

Geschmunzelt hatte ich, als sich David Montgomery 2009 aus dem deutschen Zeitungsmarkt verabschiedetet und im SPIEGEL über ver.di beschwerte, die u.a. über ihre Web-Arbeit seinem Image und Anliegen geschadet haben (“ver.di habe einen richtigen Propagandaapparat …. gehabt"). Mit Blick auf die Web-Begleitung waren es 14 qm Zwinkerndes Smiley

Social-Media-Kongress von ver.di würde anstehen

Der Tarifticker der IG Metall ist eine gute Sache. Ich freue mich, dass diese Instrumente der schnellen Information als ein Element der Web-Arbeit immer mehr um sich greifen. Heute wird auch in der Gewerkschaftsbewegung etwas Wirklichkeit, wo man uns vor 15 Jahren noch deswegen verdammt bzw. bekämpft hat.

Es wäre an der Zeit, dass ver.di ein Social-Media-Treffen in 2012 oder 2013 anschiebt, um weiter an einer Web-Strategie im Kontext auch zu diesen Prozessen zu basteln. Die IG BCE hat ein Web-Angebot zu dem Oberthema “Social Media” im Angebot, wenn auch mehr mit dem Blick des “Verhaltens” denn des gezielte Erschließens für die eigenen Arbeit. Die Seiten geben aber einen interessanten Einblick und sind sehr informativ.

Künftig wird es auch darum gehen, wie für die gewerkschaftlichen Aktivitäten die mobile Welt, also das Smartphone und der Tablet-PC, erschlossen wird. Instagram ist eine mobile Bildplattform, ohne die es wohl künftig auch nicht mehr geht, aber dazu muss man sich erst einmal einen Kopf machen, ob man auf dieser Plattform vertreten sein will (mobil) und wie, da es sein sehr eingeschränktes Öffentlichkeitsmedium, aber eben beziehungsträchtiges ist.

Neben der eigenen Strategie, den eigenen gewerkschaftlichen (technischen)Plattformen der Vernetzung – auch auf Grund des Inhalts -  in den sozialen Netzwerken, geht es darum, sie gezielt zu erschließen und zu nutzen. Sie als Teil der gewerkschaftlichen Öffentlichkeitsarbeit einzusetzen und auch den eigenen Apparat das Wissen um diese Dinge zu vermitteln, gehört genauso zu diesem Themenkomplex wie die Ãœberprüfung, solche technischen Plattformen wie Etherpad künftig einzusetzen. Sie können dazu beitragen, dass gewerkschaftliche Abstimmung gestärkt und transparenter wird, sofern man um deren Möglichkeiten weiß und sie an den eigenen Zwecken ausgerichtet gezielt einsetzt.

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