Schon mal was von tiddler gehört?

mitgliedernetzFür die gewerkschaftliche Arbeit nach innen und nach außen gibt es fantastischen Möglichkeiten im Web, die gerade für Gewerkschaften geschaffen worden scheinen. Es sollte eine Debatte um ein gewerkschaftliches Wiki geführt und der Prozess organisiert werden. Diese Debatte geht am Ende nur über die Gewerkschaften, in deren Strukturen. Der Blick zurück auf die Etablierung des www in den Gewerkschaften, die Herangehensweise an die sozialen Netzwerke und die eigenen Netzwerke signalisiert, dass es auch weiterhin ein schmerzvoller Prozess bleiben wird, denn Transparenz und Gleichberechtigung, dass sind großen Herausforderung für die Gewerkschaftsbewegung im digitalen Zeitalter.

Zum Beispiel Wiki: Hilfe für andere und einfach erklärt

1. Eine Grundidee bei Wikis ist, das gemeinschaftliche Texte sich auf Darstellung der Fakten konzentrieren. Durch die einfache und klare Darstellung wird ein Thema verständlich aufbereitet.

Die Gewerkschaften sind Großorganisationen mit einem Vereinscharakter, Millionen Menschen sind Mitglied, zehntausende engagieren sich auf die eine oder andere Weise in der Bundesrepublik in ihnen. In betrieblichen Not- oder Problemlagen werden die Service- und Handlungsangebote der Gewerkschaften verstärkt in Anspruch genommen. Die Kontaktaufnahme erfolgt durch das suchen von Ansprechpartner bzw. durch das ergooglen eines Themas oder wie eine Lösung aussehen könnte. Ca. 60 % aller Suchmaschinen-Anfragen auf den Server von ver.di kamen im Dezember 2011 über google, gefolgt von bing und yahoo. (Facebook – keine Suchmaschine-  lag z.B. an vierter Stelle bei den Links auf die verdi.de-Seite). Der erste Schritt ist nicht immer der unmittelbar zur Gewerkschaft, aber früher oder später, je nach Problemdruck schneller oder langsamer, aber er erfolgt vor allem über das Web an Hand des Themas bzw. des Problems. Gewerkschaftliche Web-Seiten spielen vor diesem Bild eine große Rolle, müssen sie doch beides sein, allgemeinverständlich wie eine Hilfe zur Orientierung bieten.

Mit Blick z.B. auf diverse Streiks bzw. Warnstreiks kennt man die verschiedenen Fragen der Mitglieder am Telefon, auf Mitglieder- oder Betriebsversammlungen. Ich habe in den letzten fünfzehn Jahren diverse betriebliche, regionale oder Flächentarifauseinandersetzungen im Web begleitet. Den “Affen”, der um die Erklärungen zum Thema Streik gemacht werden, waren lächerlich. Man hatte fast den Eindruck, dass eine falsche öffentliche Darstellung auf dem Web über den Streik entscheidet und nicht die Mitglieder. Bei meiner ersten eigenen betrieblichen Tarifauseinandersetzung waren die Hauptamtlichen gegen eine Web-Begleitung, die Mitglieder dafür.  Es war sehr schwer, etwas zu den konkreten Fragen der Tarifwirkung etc. im Web zu schreiben, weil man selber nicht das Wissen und die Erfahrung hat – und auch die Sorge, man verrät Geheimnisse. Die Erläuterung von Nachwirkung und Nachbindung eines Tarifvertrages wurde (Anfangs) zum Problem, weil man sich auf hauptamtlicher Seite mit dieser Frage nicht wirklich beschäftigt hatte, für uns war es aber das Argument, in die Gewerkschaft einzutreten, dies war für uns der Maßstab, ob wir ein Rolle spielen könnten. Da die Gewerkschaft nur ihre Erklärungen abgegeben hatte, die schwer zu verstehen waren, bleiben jede Menge Fragen offen, haben wir uns damals unseren Weg überlegt, die Dinge einfach und klar zu beantworten: Fragen aufschreiben, Antworten zusammen tragen und öffentlich machen, ohne groß die anderen noch einmal zu fragen und zum Verbleib auf eine Web-Seite gestellt. Bis heute verwurschtel ich den damaligen Text.

In einer anderen gewerkschaftlichen Aktion im Rahmen des Konzern ging es darum, in einer Niedergangsphase eines Titels, dass die Arbeitnehmer/innen nicht den Kopf hängen lassen, sondern in dieser Situation auch noch eine aktive und gestaltende Rolle spielen. Die Niederlage war absehbar, aber die Frage war zu welchen Konditionen und mit welchem Gefühl geht man aus dem Unternehmen heraus, war offen. Wir warfen in den Debatten um das “Wie” die Forderung nach dem Sozialtarifvertrag auf. Es entstanden die üblichen Debatten, wo der Unterschied zwischen Sozialplan und Tarifvertrag sei – und alles was darum gruppierte. Da es um die Existenz und die Zukunft von Menschen in Arbeit ging, fand diese Debatte nicht hinter den Türen statt, sondern in den Fluren, unsere Diskussionsangebote wurden aufgenommen und besprochen. Aus der Frage, ob man etwas tut soll und mit welchen Ziel, was dabei die Instrumente sein könnten, wurde eine Tarifforderungspaket aufgestellt, die sich genau um den Sozialtarifvertrag drehte – damit dafür gestreikt werden konnte. Wir brachten es zu Papier und stellten uns gesamten inhaltliches Vorgehen auch auf die Web-Seite. Dabei haben wir alle Bedenken und Fragen aus der Flurdebatte in ein “Fragen und Antworten” gestellt. Es waren die Fragen, die die Leute beschäftigte, es waren die Antworten, die versuchten zu geben, aus denen handeln resultieren sollte.

Gemeinschaftliches produzieren von Sachverhalten ohne Rang- oder Hackordnung

2. Ein weiterer Aspekt von einem Wiki ist, dass gemeinschaftlich an den Themen arbeitet wird. Der Zugang, dass ist nicht die Frage, dass eine Person darüber entscheidet, sondern die Zielsetzung und der Zweck des Angebots. Es wird nicht die Frage gestellt, ob man etwas schreiben darf, weil man zur Abgabe von öffentlichen Erklärungen nicht legitimiert ist. Darum geht es nicht, das etwas “offizielles” erklärt werden soll. Es geht um die Darstellung eines Sachverhalts.

Aus meiner Web-Arbeit bei der Darstellung von Sachthemen weiß ich zwar, dass auch hier die Frage, wer etwas zu sagen hat, eine Rolle spielt, aber die Auflösung von Differenzen ist leichter als bei inhaltlichen Bewertungen. Es kommt hinzu, dass die Struktur-Vertreter sich selber in diesen virtuellen Beziehungen nicht groß bewegen, sondern deren Mitarbeiter, die ab und an für den Info-Fluss sorgen. Bei einem Wiki geht es nicht so sehr um die großen Dinge, sondern die einfache Darstellung des Sachverhalts. Durch die Möglichkeit, dass es in einem Wiki eine offene Diskussionsbühne zum einzelnen Text gibt, wird noch ein weiterer Zugang zur Lösung möglichen Streitigkeiten geschaffen. Diese offene Form der Diskussion auf einem Wiki ist attraktiv, weil es keine Rang- und Hackordnung gibt, es kann die Sachdebatte vorherrschen und sie ist transparent zu verfolgen. Es gibt keine Chefs, alle sind Autoren/innen – und sie müssen ihre Lösung finden. Das Web bietet, wenn es um den Meinungsstreit geht, verschiedene Möglichkeiten, auch dies zu organisieren, interaktiv und öffentlich.

Grundfragen der Betriebs- und Tarifarbeit im Wiki thematisieren

3. Es wäre wünschenswert, wenn es eine Debatte um ein gewerkschaftliches Wiki geben würde und man daran bastelt. Das Tarifarchiv des WSI ist z.B. etwas wie ein Wiki, hier werden einfache Frage sehr direkt zum Thema “Tarifsystem” beantwortet (als Frage und Antworte-Seiten). Davon gibt es viele andere Seiten im allgemeinen gewerkschaftlichen Web, also den verschiedenen Web-Seiten.

Bei den Themen für ein gewerkschaftliches Web sollte es um die allgemeinen Fragen der Betriebsrats- und Tarifarbeit gehen. Zu IG Druck und Papier bzw. IG Medien-Zeiten gab es immer kleine Bücher von 30 bis 40 Seiten zu einzelnen Themen die Beteiligung des Betriebsrat bei Einstellungen nach § 99 BetrVG und seine Gestaltungsmöglichkeiten oder zum Kündigungsschutzparagraphen 102 im BetrVG. Es wurden Handlungsmöglichkeiten gegen prekäre Beschäftigung, damals Zeitarbeitsverträge, erläutert. Diese Broschüren hatten einen hohen Informationswert und waren auf das praktische tun der betrieblichen Interessenvertretungen gerichtet. Oder wenn ich an das Thema Euro- oder Konzernbetriebsräte denke, auch hier kann man eine sinnvolle Webreichung erstellen.

Vor einiger Zeit bat ich darum, mir ein Exemplar der aktuellen MTV-Kommentierung für Redakteure an Tageszeitungen zur Verfügung zustellen. Das war nicht möglich, da es einen aktuellen Kommentar nicht gibt. Man prüfe, ob eine Neuauflage erstellt werden kann. Eher unwahrscheinlich, da der “aktuelle” aus den 1990er Jahren ist. Im Prinzip müsste man ihn komplett neu erstellen, da es Rechtsprechungen zu einzelnen Paragraphen zwischenzeitlich gegeben hat und neue tarifliche Regelungen, die in Teilen kommentiert worden sind. Es gab auch den dezenten Hinweis, dass man noch Leute finden müsste, die so etwas schreiben, die Geld und Ressourcen binden.

Noch schöner war eine Frage zur VG Wort. Als Antwort bekam ich einen Link eine Buchpassage geschickt, der sich selber aber nicht öffnete. Mit dem Kauf des Buches würde ich auch das Recht erwerben, online die Antworten zu lesen. So sehr ich das kommerzielle Interesse von Autoren verstehen kann, aber für unsere Arbeit als betriebliche oder gewerkschaftliche Interessenvertretung ist das der falsche Ansatz. Heute würde man sagen: Wir bieten so etwas kostenlos an. Bei massenhafter Nachfrage kann man weiteres schreiben und das Interesse an dem Autoren zur direkten Beratung würde steigen, die Quellen seiner Umsätze würden sich verändern, statt Buch- würde der Schwerpunkt Beratungshonorar werden. Natürlich wurde das Problem gelöst: Der Griff zum Hörer führte zu einer Info, die heute elektronisch für den Betroffenenkreis in einem Wiki zur Verfügung stehen. Ich werde den Buchautoren nicht mehr fragen, habe mir im konkreten das Wissen besorgt und es öffentlich zugänglich gemacht bzw. erklärt.

Was gibt es für technische Möglichkeiten?

Technisch gibt es verschiedene Angebote, so natürlich das kostenlose Softwarepaket für einen Web-Server, mediawiki. Ohne Datenbank und schnell zu bedienen gibt es – ebenfalls kostenlos – DokuWiki. Beide sind auf Serverplätze angewiesen. Auf der Suche nach einer Wiki-Lösung bin ich über tiddler gestolpert, einem Java-Script, das auch auf einem USB-Stick funktioniert, ohne Datenbank oder sonstigen Aufwand, eine einfache html-Datei, die man sich über den Web-Browser ansehen kann. Man lädt die Datei auf einen Server und das Ding funktioniert. Und das Beste, man braucht vielleicht 15 Minuten, um das Prinzip verstanden zu haben. Die Produktion des Inhalts und die Navigation bleibt einem natürlich nicht erspart. Da es sich um ein mini-kleines Wiki handelt, ist es auch nach dem Prinzip organisiert, sprich andere können vorhandene Texte bearbeiten.

Ich habe eine kleines Mini-Wiki aus Basis von tiddler zusammengestellt. Hier der Link.

Wikis können Gewerkschaften in ihrer Betriebs- und Tarifarbeit helfen, sie ergänzen das Web-Angebot

Ein gewerkschaftliches Wiki könnte für Transparenz in wichtigen Themenfeldern gewerkschaftlicher oder betriebsrätlicher Arbeit sorgen, die Autoren/innen wäre wir in Teilen selber. Eine Vereinshierachie würde nicht notwendig sein, wenn kollegiale Prinzipien gelten und es nicht erforderlich ist, dass jemand den Vorsitz miemt. Der Nutzwert eines gewerkschaftlichen Wikis würden darin bestehen, das die Träger/innen gewerkschaftlicher und betriebsrätlicher Arbeit sich hier informieren können, weil ihnen die Dinge verständlich präsentiert und dargestellte werden. Was nicht richtig ist, kann verändert werden. Die Debatte und Klärung einer Sachverhalts kann direkt diskutiert werden und die Diskussion ist einsehbar bzw. nachvollziehbar. Mit einem gewerkschaftlichen Wiki würde viele Web- Seiten, die sich in der Form “Fragen und Antworten” mit Themen beschäftigen einer größere Gruppe von engagierten Menschen zur Verfügung gestellt werden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.