Gegen das Vergessen – “ Erinnerung an Zwangsarbeit unterstützen

Über 25 Jahren arbeite ich im Unternehmen, am gleichen Standorte. Über die Jahre war mein Arbeitsplatz in jeder Etage, auch im Nachbargebäude. Doch erst anlässlich des 60. Unternehmensgeburtstages habe ich mich mit der Geschichte des “Gebäudes” beschäftigt, in dem seit 1898 ein Wollunternehmen bis 1967 existierte. Hier haben vermutlich tausende Menschen über die Jahrzehnte gearbeitet haben. Eine Blick in die Betriebsgruppenzeitung der DAF aus 1943 hat mich fast zum Kotzen gebracht: In Stalingrad tobte ein verbrecherischer Krieg gegen die Sowjetunion und die braunen Betriebsfürsten lobten in der Griegstraße das Ferienangebot in Thüringen. Dann sah ich die Baracken für Zwangsarbeiter in Altona in den 1940er Jahren und konnte es nicht fassen: Warum habe ich mich nicht damit beschäftigt? Auf dem Gelände der Fabrik gab es ein Zwangsarbeiterlager, die auch in der Sternwoll-Spinnerei zwangsweise arbeiten mussten. Heraus gekommen ist jetzt eine Initiative, die sich für eine Gedenktafel an dem Gebäude einsetzt.

Hier ein gemeinsame Aufruf von den Betriebsräten der SAM Electronics, Libri und MOPO, der Evangelische Tabita-Kirchengemeinde, den Elbe-Werkstätten im Friesenweg sowie Altona 93:

Auf dem Gelände der ehemaligen Marzipanfabrik im Friesenweg 4 und der Griegstraße 75, der ehemaligen Sternwolle-Fabrik, kommt es zu baulichen Veränderungen. Hier haben u.a. die Hamburger MORGENPOST, der Schiffszulieferer SAM Electronics ihren Unternehmensstandort. Die Veränderungen sollen die Gewerbefläche attraktiver machen. Bereits vor einiger Zeit war die Margarine-Fabrik abgerissen worden und es wurde das Wohngebiet um den John-Mohr-Weg geschaffen.

Die bevorstehenden baulichen Veränderungen sind für die Unterzeichner Anlass, an ein Kapitel der Geschichte in Hamburg-Bahrenfeld zu erinnern: Während des Zweiten Weltkrieges, in der Zeit des Hitlerfaschismus, wurden Menschen ihrer Heimat entwurzelt, verschleppt und zur Zwangsarbeit verpflichtet, auch hier in unserem Viertel. Sie waren in Holzbaracken untergebracht, litten unter Mangelernährung, waren der Willkür ausgeliefert. So wurden z.B. fünf Zwangsarbeiterinnen der Firma „Noleiko“ (Friedensallee 128) aus Hamburg-Ottensen 1943 hingerichtet, nachdem sie und ihre Kameradinnen sich geweigert hatten, verdorbene Nahrungsmittel zu essen. Wir möchten deshalb, dass an dem Gebäude der Griegstraße 75 eine Gedenktafel angebracht wird. Ausländische Zwangsarbeitskräfte waren während des Zweiten Weltkriegs in allen Bereichen der nationalsozialistischen Kriegswirtschaft anzutreffen. Historiker schätzen die Gesamtzahl der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter zwischen 1939 und 1945 auf 13,5 Millionen.

Ausmaß der Zwangsarbeit in Unternehmen im Friesenweg und der Griegstraße

Im Friesenweg und in der Griegstraße waren Zwangsarbeiter entweder in Lagern untergebracht bzw. in den umliegenden Firmen beschäftigt. Die Firmen gibt es heute nicht mehr. Was es gibt, sind die Gebäude, in denen sie zur Arbeit gezwungen wurden.

  • Im Friesenweg 3, den Pharos Feuerstätten waren 55 Zwangsarbeiter tätig,

  • im Friesenweg 5 gab es Zwangsarbeiter in der Kellram-Käserei, in der Ofterdinger Salatfabrik, der Bartelsen Sohn KG, Hennings Fischkonserven.

  • In der Wilkens Fischräucherei, Jürgen & Westphal und auch der Marzipan Fabrik der Oetker-Werke wurden hunderte Zwangsarbeiter eingesetzt.

  • Auf dem Gelände der Griegstraße, der Wollgarnfabrik Tittel & Krüger und Steinwollspinnerei AG gab das Unternehmen für das Kriegsgefangenen– und Firmenlager 128 weibliche und 96 männliche Personen als Zwangsarbeiter an.

  • Bei der Firma Wiede (W. & M.), Bauhandwerk in der Griegstraße (ehemals Brahmsstraße) beim Sportplatz waren 450 italienische Bürger zur Zwangsarbeit verpflichtet.

Es bestanden strenge Auflagen, ob und wann das Lager verlassen werden durfte, Kontakte zur deutschen Bevölkerung waren streng, es durften keine Gottesdienste besucht werden und für die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel war eine Genehmigung erforderlich. Wurde ein Verhalten als Rebellion oder Spionage ausgelegt, kam es zu Erschießungen durch die Gestapo. Bis zum 10. Mai 1945 registrierten die Briten 571 Lager mit ausländischen zivilen Arbeitern, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen in Hamburg.

Was wir wollen

Wir wollen mit dem Aufruf an diese Zeit und an das Leid erinnern, das Menschen im Namen einer rassistischen Ideologie und Aggressionspolitik zugefügt wurde. Heute leben wir in demokratischen Verhältnissen und viele unterschiedliche Nationen und Religionsgruppen gerade auch in unserem Stadtteil friedlich zusammen. Dass im Jahre 2001 Neonazis durch das Viertel zur MOPO demonstrierten, erinnert uns gleichzeitig daran, sich auch heute für Menschenwürde respektvoll und engagiert einzusetzen.

Wir treten dafür ein, dass an dem Gebäude der Griegstraße 75 eine Gedenktafel angebracht wird und wenden uns deshalb an die Eigentümer der Grundstücke Friesenweg 5/Griegstr. 75 und die Stadt Hamburg, uns bei diesem Anliegen politisch und finanziell zu unterstützen.

Wenn Sie Interesse an diesem Projekt haben, wenden Sie sich gerne an eine der Unterzeichner und Unterzeichnerinnen. Weitere Informationen zu dem Projekt finden sie auch im Internet unter der Adresse: http://griegstrasse75.wordpress.com

Hamburg-Bahrenfeld, den 13. Dezember 201

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