Der Streik in der Sächsischen Zeitung 1999 und eine erste betriebliche Web-Seite

Vor über 15 Jahren endete der Streik in der Sächsischen Zeitung mit einem Kompromiss, die volle Tarifbindung der ausgegliederten Geschäftsstellen und Lokalredaktion in eigenen GmbHs konnte nicht erreicht werden, die Lokalredaktionen wurden in eigenständige GmbHs überführt. Aber der Streik war eine Gegenaktion der Arbeitnehmer/innen über drei Wochen gegeben Ausgliederung und die Zerstörung der Identität der Beschäftigten der SZ, gegen das ökonomischen Konzept der Geschäftsleitung.  Der Streik wurde durch eine Web-Seite begleitet. Es dürfte die erste betriebliche Streik-Seite im Web gewesen sein oder eine der ersten.

Während des Streiks sollte sie täglich aktualisiert werden. Als damaliges Facebook wurde u.a. die Newsgroup de.soc.arbeit geschaffen und genutzt. Die Kommunikation über das kleine CL-Netz war nicht für die gewerkschaftliche Zielgruppe geeignet und die Kommunikation über vernetzte Mailboxen wurde kritisch beäugt. IG Medien-Funktionäre nutzen es fast nur im geschlossenen Bereich, bespielten kaum die allgemeinen Bretter zur Information und Debatte, Ihnen war nicht an Austausch gelegen. Mit der Web-Seite sollten auch die Interessierten bei G+J, dem Eigentümer der SZ zusammen mit der SPD, erreicht werden und der Teil der Gewerkschaftsbewegung, außerhalb der IG Medien, um für diese Form der öffentlichen Begleitung praktisch zu werben. In der damaligen Zeit war es noch nicht normal, dass alle Gewerkschaften einen eigenen Internet-Auftritt hatten oder sie den zu etwas anderes nutzen als zur Darstellung von bereits ergrautem Papier.

Die Web-Seite war vom Konzept mit der IG Medien Hauptverwaltung abgestimmt und sollten auf  dem Server der Gewerkschaft gestellt werden. Zum ersten Konflikt kam es über die Frage, wer aktualisiert. Es sollte nicht in die Hände der Akteure gelegt, sondern von der Verwaltung der Gewerkschaft übernommen werden. Damit war klar, es wird keine tagesaktuell Berichterstattung zur Unterstützung des Arbeitskampfes geben, Hintergrund-Infos würden keinen Platz finden auf der Seite finden.

Der zweite Konflikt war die Unterstützung für diesen Streik durch die Gewerkschaft und dessen Einordnung in die Zeitunglandschaft in Ost und West. Leichtfertig wurde auf den Osten verwiesen, wo die Verleger es ausprobierten, wie man künftig Arbeitbeziehungen gestaltet. Im Westen war es schon längst passiert, im Osten gab es hier aber erstmals Widerstand und nicht das ertragen der Arbeitgebermacht. Der zuständige Fach-Sekretär im Hauptvorstand der IG Medien spielte die Auseinandersetzung runter, sprach von einem lokalen Konflikt, meinte damit aber auch die Gegenwehr, eben das Mittel des Streiks.

Ich habe viele Streiks erlebt, also im betriebliche Bereich. Das besondere an dem SZ-Streik war sein basisdemokratischer Charakter und seine Selbstorganisation durch die Belegschaft. Die Solidaritätsarbeit außerhalb von Dresden wurde nicht im Kern von der IG Medien organisiert, sondern eben von den Streikenden und ihren Beziehungen. Die Aktion zum SPD-Parteitag in Berlin 1999 war vom PR-Effekt genial.  Es wurde eingefädelt, dass die Streikenden am Parteitag auch sprechen konnten. Der Druck auf den 40 Prozent Gesellschafter SPD war damit optimal. Die gefakte Busfahrt zur Nikolaus-Feier des damaligen G+J-Vorstandsvorsitzenden Gert Schulte-Hillen war auch super. Er sagte sie ab, weil er dachte, wie die BILD Hamburg es schrieb, eine Horde Sachsen komme mit dem Bus nach Hamburg. Der Bus kam, auch voll, aber die Störung der Nikolausfeier war eine über die Medien mitgenommenAktion der Streikenden.

Wird vom Arbeitgeber die Identität zerstört, bröckelt die Gefolgschaft. Danach kommt die Bereitschaft, mehr zu machen. Ãœber eine Betriebsversammlung am 22.11.1999 wurde von der IG Medien und dem DJV zum Protest nach der Versammlung aufgerufen, vor dem Haus der Presse. Auch wenn ich Zweifel hatte, der Aufruf, vom Haus der Presse zum um die Ecke liegenden Gewerkschaftshaus zu gehen, gelangt. Der Streik hatte begonnen. Es tat gut, an dieser Betriebsversammlung teilgenommen und gesprochen zu haben.

Ich habe die damaligen Meldungen auf der Web-Seite noch einmal eingearbeitet und auf meinen Blog gestellt. Die meisten Texte sind nicht von mir, nur einige, aber zusammen vermitteln Sie einen Überblick über den Streik und die erste betriebliche Web-Seiten zu einem betrieblichen Streik. Bis heute denke ich mit Begeisterung an diese Aktivität, die mir dank der Streikenden möglich war.

 

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