Auf den Wechsel

Anfang September 2013 ist es soweit, ein guter Freund und Mitstreiter scheidet aus dem Arbeitsleben aus, er wird Rentner, kommt auf der etwas ruhigeren Seite unseres Berufes an. Ich bin sicher, dass ihm vieles fehlen wird, was unser Leben und damit unsere Arbeit treibt. Seine betrieblich-unternehmerische Sicht wird mit fehlen, seine Sichtweisen auf die Prozesse, Themen und das Herangehen – einen Teil davon haben wir uns zusammen erarbeitet.

Bernd Köhler, Redakteur, Betriebsratsvorsitzender in der Sächsischen Zeitung, Gesamtbetriebsrats-vorsitzender der SZ-Betriebe in Sachsen, Konzern- und Eurobetriebsratsvorsitzender von Gruner+Jahr, Mitglied im Aufsichtsrat von G+J, lernte ich 1992 in Hamburg kennen. Auf der G+J-Betriebsrätekonferenz im CCH. Es war nicht nur das Ereignis, bei dem wir uns kennenlernten, ich glaube es war auch Ausgangspunkt für unsere Art der Betriebsratsarbeit, die sich in Teilen auf andere Betriebsräte auswirkte und die unser Vorgehen in größeren Rahmen mit prägte. Das wussten wir 1992 natürlich noch nicht. Heute merken wir, dass sich andere Prägungen breit machen und es zunehmend schwer wird, Betriebsräten eine Sicht- und Vorgehensweise zu vermitteln, die in meinen Augen etwas mit einer interessengetriebenen Arbeit zu tun hat. Heute ist ein schwarz-weiß Welt wieder beliebt oder man passt sich bis zur Unkenntlichkeit der Unternehmensstrategie an, hat kein Bild vom einem Betriebsrat in den konkreten betrieblichen Auseinandersetzungen.

Was war es, das uns durch diesen Zufall zusammenbrachte? Es war das Normale, das Zuhören und das einem Vertrauen schenken. Kein großes Abwegen, sondern die Offenheit und Klarheit: Wir machen das Gleiche, wir haben gemeinsame Interessen, gemeinsam sind wir stark. Es war aber noch mehr! Diese Sicht auf „meinen Betrieb“, es war nicht das in Westdeutschland entstandene korporatistische System der Betriebsräte, die zusammen mit ihrem Management auf den Standort und damit auf das Ergebnis, die Rendite schauen. Es war ein neuer Blick auf „meinen Betrieb“, den ich erst später in aller Herzlichkeit erleben konnte. „Mein Betrieb“, das waren die Arbeitnehmer in der Sächsischen Zeitung, die sich in der Umbruchsituation versucht hatten, zu organisieren und eine selbstorganisierte Zusammenarbeit der Arbeitnehmer/innen, in der Redaktion, aber auch in der Zusammenarbeit von Chefredaktion und Geschäftsführung. Für uns Westdeutsche nicht vorstellbar, aber die gewachsene Identität zum Betrieb, eben der dort zusammen Wirkenden, war eben nicht die Erfahrung der Rendite-Steigerung, sondern das ringen um etwas, was es noch gefühlt gab: Einem ist das Wohl der Beschäftigten nicht egal, sowie sie betroffen sind, will man sie nicht alleine lassen. Für mich ist bis heute das Bild geblieben, dass dies auch das Erbe der DDR in den Köpfen der Menschen für soziale Gerechtigkeit und soziale Gemeinschaft ist. Bernd war Vorsitzender der Betriebsgewerkschaftsleitung und wurde im Laufe der Zeit Betriebsratsvorsitzender.

Auf der damaligen Betriebsrätekonferenz waren wir erstaunt, dass sich in Dresden keiner der Betriebsräte freistellte, für uns ein Widersinn, gab es doch kaum ein höheres Streben: endlich auch mal anerkannt im Unternehmen, nicht mehr das „Schmuddelkind“ zu sein. Unsere Kolleginnen und Kollegen aus dem SZ-Betriebsrat machten uns klar: Wir sind gleich, keine Privilegien. Wer schwierige Situation lösen will, der braucht das Kollektiv, in dem sich alle auf ihr gemeinsames Vorgehen verständigen und es umsetzen. Die Redaktion hatte neben dem Betriebsrat einen Redaktionsausschuss, der natürlich eine starke Stimme im Konzert der Interessenformierung auf Arbeitnehmer/innen-Seite hatte. Das entsprach und entspricht meiner Vorstellung, je stärker das Kollektiv, um so größer die gemeinsame Linie und um so größer die Verbindung in die Belegschaft und Verbundenheit. Macht man eine kreative Arbeit, verbindet einen alles mit den Beschäftigten. Man kommt im Zweifel in die Rolle eines Moderators, wenn es darum geht, die Geschlossenheit im Vorgehen zu organisieren. Bernd vertraut den Menschen, er redet mit ihnen, hört ihnen zu und denkt darüber nach, was sie einem gesagt haben, was es für unsere Arbeit bedeutet – bildet sich eine Meinung nicht leichtfertig. Dieses Vertrauen nicht nur in die Zusammenarbeit, sondern eben das Vertrauen in die Beschäftigten, das spross aus jedem Diskussionsbeitrag unserer ostdeutschen Kolleginnen und Kollegen. Ich war einfaches Betriebsratsmitglied, aber angefixt, dass es solches Selbstverständnis in Betriebsräten, als Interessenvertretung gab.

Wie schön war es, dass es jemanden im Chor der Betriebsräte gab, der einfach offen für Ideen war, der, davon überzeugt, sie förderte und ein seinen Beitrag leistete, immer aus seiner spezifischen Sicht, gar nicht immer meiner Meinung, aber von der Sache überzeugt, sei es das Thema, das Vorgehen, die Art wie man sich organisiert o.a.m. Und nicht nur seine Bereitschaft, sondern sein ständiges Einbringen von Ideen und Vorschlägen. Die Ausübung unseres Berufes zwingt uns in Teilen zu Vorsicht und Abwägung. Laut, aber nicht zu laut, eine Runde über das Problem nachdenken, bevor man Kante zeigt. Ja, selbst das gehört dazu, dass man sich zu Beginn einen Kopf macht, was werde ich am Ende erreichen können, um zu prüfen, welcher Kraftaufwand erforderlich ist. Bei Bernd, so lange wir unmittelbar zusammenarbeiteten, kam aber eine große Portion Herzlichkeit und Klarheit hinzu. Klarheit, wenn es um die Sorgen der kleinen Leute, also der Arbeitnehmer/innen ging, die nicht viel verdienen, im Arbeitsalltag durch ihre Arbeit für einen gesicherten Ablauf sorgen, weil sie mit Sicherheit ihre Arbeit verrichten, weil auf sie Verlass ist – auch auf ihre Sorgen. Sein initiativreiches, innovatives Handeln führte mich an den einen Punkt, der prägend für meine Betriebsratsarbeit ist. „Wenn Kenntnis und Organisation einen leitet“, das war für mich das Bild über seinen Einsatz, für das finden eines richtigen Weges in der Zusammenarbeit von Betriebsräten.

So wie ich gewohnt war, ausgegrenzt und ignoriert zu werden, so trafen auf einmal diese Erfahrungen aus West und Ost in unserer Zusammenarbeit aufeinander. Uns einte das Bedürfnis nicht nur auf regelmäßige Treffen in Hamburg. Wir wollten eine engere Zusammenarbeit, die auch eine Zusammenarbeit der Gremien war. Es fanden unsere gemeinsamen Betriebsräte-Seminare statt, die wir selber organisierten und andere ihren Briefkopf gaben. In der ersten Zeit, da dachten wir noch, der Briefkopf ist mehr, ist unsere kleine rote Fahne, doch schnell stellte sich heraus, dass hier nur Bürokratie und Umständlichkeit das Bestimmende war – in dieser Einschätzung waren wir uns erst später einig, mein Gemotze gefiel im gar nicht. Unsere Idee war, dass wir einen „Zeitungsausschuss“ auf Ebene des Konzernbetriebsrat gründeten, die Organisationsform unseres Austausches – wir waren autonom, weil die andere ja nicht Zeitung war. Ãœblich war neben dem Konzernbetriebsrat noch ein Konzernbetriebsausschuss, aber ansonsten keine anderen ständig tagenden Ausschüsse. Wir organisierten uns auf der Ebene eines Unternehmensbereiches des Konzern, eben so wie sie sich selber organsiert waren. Diese Form war es, die uns mit den Jahren in die Lage versetzte, auch an anderer Stelle mehr an Gestaltungskraft bekommen, unseren Einfluss auf das Geschehen im Konzernbetriebsrat änderte sich, weil wir auch zusammen über eine große Gruppe von Stimmen verfügten, die in schwieriger Abstimmungslage von Bedeutung sein konnte. Wir konnten dies später u.a. bei der Gründung des Europäischen Betriebsrats von Gruner+Jahr für uns nutzen. Weder die Spitze des Konzernbetriebsrat noch unsere Gewerkschaft wollte so einen „Kram“. Bernd war es, der den Anspruch hatte, dass sich nicht die Spitzen, sondern die Gremien trafen, er war es der darauf bestand, dass es einen Austausch unter uns gab. Es waren nicht die schönen Reden, es war die reale Beschreibung der Lage, um die es ihm ging. Sein Beharren auf diese realistische betriebliche Lageeinschätzung tat einem manchmal weh, aber sie führte dazu, dass man sich auf den nächsten, richtigen Schritt konzentrierte.

Das einschneidende Erlebnis in unserer Freundschaft war der Streik 1999 in der Sächsischen Zeitung. Hier waren Arbeitnehmer/innen nicht mehr bereit, den Verlust an Identität im Unternehmen durch Ausgliederungen hinzunehmen. Es kam zu dem längsten Streik in der deutschen Zeitungsgeschichte. Drei Wochen, von denen ich einige Zeit selber vor Ort in Dresden sein durfte. Hier konnte ich erleben, welches Schöpfertum in den Menschen schlummert, wenn es um ihre ureigenen Anliegen ging. Ich habe noch nie so viele Tränen erlebt, weil man gegen sein Unternehmen streikt, weil man angegriffen war von der schwierigen Situation, dass eine große Gruppe vor der Tür stand und eine andere Gruppe im Haus arbeiten war. Die Bereitschaft der Streikenden, trotz aller Sorgen im Arbeitskampf zu bleiben, war ein erhebendes Gefühl. Bernd, so meine Erinnerung, behielt die Ruhe und sorgte u.a. dafür, dass die Front erhalten blieb, die da mutig den Streik zur Sicherung der Arbeitsbedingungen, zur Verteidigung der eigenen Arbeits- und Unternehmensidentität trug. Für mich bleibt dieser Streik immer damit verbunden, dass ich hier meine ersten Web-Erfahrungen im Arbeitskampf erleben durfte, dass nicht die Angst vor der Information ein Problem im Arbeitskampf ist, sondern umgekehrt, dass die Information die Waffe der Organisation, der Unterstützung und Solidarität darstellt. Das eine klare und saubere Informationsarbeit auch nach außen die Kraft der Bewegung demonstriert. Die Gewerkschaft wollte das damals alles nicht, aber das Info-Monopol auf Verbreitung war abgelaufen. Heute haben sich die Arbeitgeber selbst auf die Web-Arbeit eingestellt, damals waren wir gewissermaßen alleine. Der besondere Clou in der Web-Arbeit:  Durch die abendlichen Beratungen wusste man, was am nächsten Tag passierte und konnte vorab informieren. Wir haben es auf der Web-Seite publiziert und in der Newsgroup.

„Ein Horde Sachsen kommt nach Hamburg“ schrieb die BILD Zeitung, als ein Bus aus Dresden nach Hamburg fuhr. Uns war es gelungen, die Botschaft abzuschicken, dass diese „Horde“ zum Nikolausfest des damaligen Vorstandsvorsitzenden fahren würde. Empört wurde der Termin von Schulte-Hillen abgesagt, auch wenn der Bus nie vor hatte, dort hinzufahren. Wir traffen uns vor den Verlagsgebäude, organisierten die Unterstützung und führen so gar noch einen Streikversammlung mit 50 Teilnehmer/innen in Hamburg durch. Der Wirt der Kneipe, in der wir uns trafen, spricht mich bis heute auf diese Erlebnis an. Er saß am Tresen und hörte mit großen Augen und Ohren zu, wie wir über den Arbeitskampf und dessen Unterstützung sprachen.

Um den Wandel in der Unternehmensstruktur aus Interessenvertretungssicht zu entsprechen und die Ausgliederungen an den Zeitungsstandorten nicht alleine der Arbeitgeberwillkür zu überlassen, entwickelten wir die Idee der Standort-Betriebsräte. Ob nun die eigenständigen Regionalverlage, die Zeitungsredaktionen, die Druckerei oder der Verlag. Die verschiedenen Betriebe am ehemals geeinten Standort über einen großen Betriebsrat sollte auf Arbeitnehmerseite wieder flexibel zusammengeführt werden. Unsere Erfahrung im Zeitungsausschuss hatte uns das „wie“ leichter gemacht. In Dresden gelang ein Tarifvertrag über einen Betriebsräte-Struktur über einen zersplitterten Zeitungsstandort, anderweitig fanden sich aber wenig Anhänger unserer Theorie. Der rheinische Kapitalismus, der schon längst von den Arbeitsbeziehungen Abschied genommen hatte verfügt auf der Seite der Interessenvertretungen immer noch enorme Bindekräfte. Bis heute erlebe ich den schwindenden Einfluss von ehemals großen Betriebsräten, aber sie sind nicht in der Lage, ihre Rolle zu kompensieren und eine flexible Antwort auf diesen Machtverlust „Größe“ zu finden.

Der Tod eines lieben Freundes brachte Bernd in den Aufsichtsrat von Gruner+Jahr. Diese Funktion begleitete ihn bis zum Ende seines Arbeitslebens, es kam noch die Funktion des Konzernbetriebsratsvorsitzenden hinzu. Zwar gehörte ich durch Verkauf des Unternehmens nicht mehr zum Unternehmensverbund, also auch nicht mehr zum Konzernbetriebsrats , aber es begann eine noch spannendere Zeit, die des abendlichen Treffens, auch wenn wir nicht mehr unmittelbar zusammenarbeiteten. Unsere gemeinsam erarbeitete Positionen zur Entwicklung der Konzernbetriebsratsarbeit war ihm kein Lippenbekenntnis, Bernd blieb an den Themen dran und sorgte für deren Realisierung und damit auch für etwas, was wir gar nicht bedacht hatten. Es gelang ihm, die jahrzehntelange Trennung der Konzernbetriebsräte im Mutterkonzern Bertelsmann, zu entwickeln. Heute gibt es ein Konzernbetriebsräte-Treffen des Mutterkonzerns, etwas, was wir immer schaffen wollten. Ohne Bernd Beharrlichkeit hätte es diese Gesamtprozesse unter den Arbeitnehmervertretungen nicht gegeben.

Was wir weniger an gemeinsamen Arbeitsthemen hatten, gab es jetzt mehr auf die allgemeine Entwicklung eines Unternehmens und die Schlussfolgerungen für die örtliche und überbetriebliche Betriebsräte-Arbeit. Leider kann man über vieles nicht schreiben, aber die Erkenntnis, dass wir für die Entwicklung einer eigenständigen Strategie von Interessenvertretungen die Strategie des Unternehmens verstehen und zwar nicht im plump agitatorischen, sondern dem Inhalt nach, war eine wesentliche Bereicherung für mich. Die Unternehmensleitungen machen entweder viel Gebläse oder versuchen, Betriebsräte durch irgendein Gelaber vom eigentlichen Thema abzuhalten, damit sie nicht selber zu Trägern von Informationen werden. Das geht nicht im Aufsichtsrat und das will keiner von denen. Hier geht es schon um das konkrete Geschäft, um die Sicherung der Rolle des Vorstandes bei der Unternehmensführung. Die Vertreter der Shareholder sitzen dort nicht, um unterhalten sie werden. Sie werden für ihre Stimme benötigt. Da der Aufsichtsrat von verschiedenen Strömungen repräsentiert wird, ist hier ein Spielfeld auch für die Interessen der Arbeitnehmer/innen. Das wurde immer wieder genutzt und erfolgreich umgesetzt. Bernd verstand diese Arbeit sehr gut und grenzte sich in seinem tun auch von den korporatistischen Ansätzen der westdeutschen Gewerkschaftsbewegung ab.

Was also bleibt mir? Natürlich wird auch immer die Bereicherung für die eigenen Interessenvertretungsarbeit fehlen, das abendliche Gerede, Geklöne – aber auch die Hoffnung, dass er bald wieder kommt und sich Freunde treffen. Das wird sich alleine dadurch ändern, dass er ebene Rentner wird, seltener in Hamburg ist. Was nach ihm folgt? Vor 15 Jahren hätten wir uns einen Plan gemacht, was wir wollen, wie wir vorgehen, einzelne wären wegen des Planungsvorgehens genervt gewesen, wir hätten gelacht, weil eigentlich das „wie wir es geplant hatten“ niemals funktioniert hatte. Auf Bernd und den Wechsel!

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